— Der Inventing Room!

Diese ganzen jetzt neu kommenden Social Networks und Apps probiere ich eigentlich gar nicht mehr aus. Zu viele neue Ströme, die dann auch noch beachtet werden müssen. Sicher gibt’s dann auch wieder Tools dafür und hier und da macht irgend etwas Ping, damit ich irgendwelche Aktionen nicht verpasse, aber eigentlich reicht’s mir gerade so.

Wo ich mich allerdings neulich doch angemeldet habe, ist goodreads – ein Social Network für Menschen und ihre Bücherregale. Ist jetzt also nicht viel anders als das, was auch Amazon mir empfehlen kann – ich gebe ein, was ich bisher so gelesen habe und gerade lese und finde dann raus, was es noch so gibt. Kann dazu schauen, was meine Freund_innen so lesen und das alles. Macht auch Spaß, da es nicht viel Aufmerksamkeit erfordert – ich lese halt in der Regel nicht so viele Bücher, dass ich mit der Aktualisierung meines Profils nicht hinterher käme.

Bestimmt gibt’s auch Möglichkeiten, den Bücherfortschritt über e-Book-Plattformen da ganz automagisch hinein zu liefern, so wie last.fm es für Musik macht.

 

Dann hab ich darüber nachgedacht, dass es so etwas wie goodreads eigentlich auch für Computerspiele geben sollte. So unterschiedlich sind die Medien ja nicht, Bücher, Filme und Spiele. Traditionell sind es physische Objekte, früher hat man sie sich in den Schrank gestellt. Man konsumiert sie meistens einmal von vorne bis hinten. Einige verwahrt man und schaut immer wieder rein, andere werden einmal gelesen/geschaut/gespielt und dann vergessen oder weitergegeben.

(Ganz so ähnlich sind die Medien sich ja dann doch nicht. Viele Casual Games sind weniger Buch, stattdessen eher Song: Man kann sie in kurzen Häppchen immer mal wieder spielen. Und manche sind auch Hobby oder Training und werden fortlaufend oder regelmäßig ausgeübt. Das darf man bei den folgenden Ausführungen nicht vergessen.)

Insofern könnte man mit der goodreads-Serversoftware ja eigentlich auch genau so eine Empfehlungs- und Bewertungsplattform für Computerspiele machen. Die Datenbank wäre nicht sehr viel anders. Also hab ich natürlich auch erst mal getestet, ob auf goodreads auch Spiele existieren. Nein, nur Bücher.

Dann halt Google benutzen: social network for games. goodreads for computer games.

Da gibt es wohl Raptr, was eher ein Chatsystem für Gamer ist, außerdem gamerDNA; eine Website, die mit der gesamten Hässlichkeit von Computerspiel-Umfeld-Websites daher kommt und sich offenbar (auch) an Gilden und Clans richtet, also an Zusammenschlüsse von Spieler_innen in Multiplayer-Computerspielen. Was goodreads noch am nächsten kommt, ist Playfire.

 

Playfire schreckt erst einmal ab. Auf der Startseite zwei junge weiße Typen, die Playstation spielen. Das ist also die Zielgruppe. Auch erfährt man hier nicht, dass man sehr wohl auch willkommen ist, wenn man nicht am PC oder aktuellen Konsolen spielt – zur Anmeldung soll man nämlich erst mal anklicken, welche Plattform (PC, XBox360, PS3, Wii) man zum Spielen nutzt.

Würde goodreads so auf seine (potentiellen) Nutzerinnen zugehen? Zwei Nerds und daneben ein Feld „Mach mit! Was liest du, Fantasy oder Science Fiction?“ – da würde man ja nicht davon ausgehen, dass das Netzwerk sich an alle Leser_innen richtet und natürlich alle Bücher in der Datenbank hat, die per ISBN so finden kann.

Na gut. Wenn man sich bei Playfire einen Account anlegt und ab sofort eingeloggt ist, muss man sich die Jungs nicht mehr anschauen. Im Profil gibt man dann an, unter welchen Namen man in den großen Game-Diensten zu finden ist (Steam, PSN, XBLA). Was man spielt und wie weit man gekommen ist, wird von dort automatisch importiert. Außerdem kann man manuell noch Spiele eingeben, die man gespielt hat und die an keinen Dienst angeschlossen sind  oder schlicht herauskamen, bevor es so etwas gab. Hier tauchen tatsächlich sehr viele Spiele auf allen Plattformen und aus allen Jahrzehnten auf.

 

Das ist also ähnlich wie bei goodreads. Bis hier. Denn Playfire legt viel Wert auf Achievements, also die inzwischen in sehr vielen Computerspielen vorhandenen Belohnungssysteme: Im Spiel verteilt bekommt man immer wieder Fleißkärtchen für die eine oder andere Aufgabe. Um alle Achievements zu erhalten, also die angesehenen 100% zu erreichen, muss man sich schon sehr anstrengen, weil die schwierigsten Trophäen oft nur durch Training und Zeiteinsatz zu erreichen sind.

Wie einem das Spiel gefallen hat oder welche ähnlichen Spiele es gibt oder welche_r Spieledesigner_in für andere Spiele verantwortlich zeichnet, die einem ja vielleicht auch zusagen würden – das gibt es alles bei Playfire nicht. Was zählt ist die Gamification des Gamens: Wer meiner „Friends“ ist wie weit in welchem Spiel? (Das muss man sich bei Büchern mal vorstellen.)

Sehr traurig wird es, wenn man auf ein Spiel klickt, das man manuell eingetragen hat. Da ist dann nämlich schon Sackgasse. Mehr als eine Liste „Diese Spiele habe ich übrigens mal gespielt“ ist (bisher) nicht drin. Und ich kann mir online anschauen, welche Steam-Achievements ich habe (was ich auch über Steam kann) und welche PS3-Achievements ich habe (was ich auch an meiner Playstation kann).

 

Möglicherweise vergleiche ich auch Äpfel und Birnen (wobei das Obst nicht die Medien Buch und Spiel sein sollen, sondern die Social Networks goodreads und Playfire) – aber ich finde es bemerkenswert, wie deutlich unterschiedlich hier zwei Dienste aussehen, die gar nicht so unterschiedlich sein müssten.

Die Auseinandersetzung mit einem Medium scheint in dieser Form nur mit den Mitteln des Mediums selbst denkbar sein: Über Bücher wird gesprochen und geschrieben. Spiele werden spielerisch verglichen, indem die Konsument_innen auf einer höheren Ebene gegeneinander antreten. Komisch eigentlich, dass da die jeweilige Geschichte und Wahrnehmung des Mediums eine so starke kulturelle Überformung des Rezeptionsraums verursacht.

Wenn ich mir da mehr Annäherung wünschen würde (sowohl allgemein in der Betrachtung Buch vs. Spiel als auch in den zwei angeschauten Networks), dann hätte ich natürlich lieber, dass diese Buchkultur sich auch in einem Onlinesystem niederschlägt, in dem Spiele das Thema sind. (Umgekehrt ist es ja eher doof. Achievements fürs Lesen? Boom, erstes Kapitel. Yeah, literarische Anspielung auf Seite 37 kapiert!)

Also: Mit Leuten über Spiele reden. Schauen, was jemand, der auch BioShock und Deus Ex gespielt hat, noch so mag und vor allem warum. Spiele nicht nur nach ihrem Betriebssystem sortieren, sondern auch nach ihren Developern, und dadurch Kontinuitäten in Personen und Studios einfacher erkennen können. (Auch wenn im Medium Spiel Autor_innen gibt, tauchen diese im Vergleich zur Literatur kaum auf.)

Überhaupt: Das Medium mehr mit den aus der Literatur (und Bühne/Film) bekannten Rezeptionswerkzeugen anfassen. Denn das passiert bisher nirgends. Es gibt für sich stehende statische Rezensionen. Es gibt die Websites der Spielehersteller, die immer nur nutzlose Onlinebroschüren sind. Es gibt die Wikipedia-Einträge zu Spielen, oft der einzige Ort, wo so etwas wie eine kulturelle Einordnung stattfindet. Es gibt Games-Datenbanken wie Moby Games, die lange vor Social Networks entstanden sind und bei denen die Interaktion auf dem Level „Online-Forum“ stehen geblieben ist.

Bisher werden Spiele trotz aller Bemühungen ihrer Apologeten, sie als ebenbürtige Kulturerzeugnisse gewürdigt zu sehen, dann doch immer noch eher als Produkt behandelt denn als Werk. Schade eigentlich.

Meine Profile: goodreads, Playfire.

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Ich hab noch so einige Themen im Kopf, über die ich hier bloggen will – und kann jetzt noch nicht sagen, ob ich dafür demnächst endlich mal die Zeit finden werde, oder ob es eher noch unwahrscheinlicher wird, weil ich mich schon tagsüber im Job mit Texten beschäftige und in Eingabefenster starren werde. Ob die Erholung dann über andere Themen oder andere Tätigkeiten läuft, wird sich zeigen.

Ich würde aber tatsächlich gerne mehr zu Computerspielen schreiben.

(Ich habe seit 2004 die GEE gelesen, das einzig lesbare Spielemagazin der letzten Jahre, die leider im vergangenen Jahr quasi eingestellt wurde und seitdem nur noch als digitales iPad-Magazin und quartalsweise als Print-Best-of erscheint. Aktuell versuchen sich andere schlaue Leute am WASD-Magazin, das aber noch prekärer und exklusiver daher kommt und eine noch kleinere Zielgruppe von Game-Intellektuellen erreichen wird.)

Ich weiß, da gibt es auch ein paar interessante Blogs, aber irgendwie habe ich da noch nie reingefunden.

Teilweise liegt das auch daran, dass ich mit diesem VÖ-aktuellen Journalismus und dem Drumherum nie viel anfangen konnte. Ich habe noch nie ein Spiel dann gekauft, als es rauskam, sondern immer erst Monate später, wenn es für 30 Euro oder weniger zu haben war. Dann waren die Rezensionen und der Hype aber auch schon wieder alt und vorbei und irgendwie kein Raum mehr da um zu sagen: Ich würde gerne jetzt irgendwo mit jemandem über dieses Spiel reden. (Bei Multiplayer-Spielen macht es noch weniger Spaß, später einzusteigen, da dann schon alle damit durch sind.)

Insofern will ich mir vielleicht genehmigen, die eine oder andere Rezension dann zu verfassen, wenn es mir gerade in den Sinn kommt, egal ob ein Spiel dafür schon Wochen, Monate oder Jahre herum gelegen hat. Ich bin mir nicht sicher, wen das interessiert, aber die recht ähnliche Rubrik „Rückspiel“ der GEE (in der ein alter Favorit der Redaktion noch einmal besprochen wurde) hat mich immer sehr begeistert, so dass ich das eine oder andere Spiel dann nach Jahren mal (wieder) ausgetestet habe.

Außerdem habe ich mir schon viele Gedanken darüber gemacht, welche Informationen mir in Rezensionen immer fehlen – irgendwie muss man doch immer schon sehr viel über Spiele wissen, um etwas über Spiele zu erfahren. Ich weiß noch nicht, wie man besser vermitteln kann, worum es in einem bestimmten Spiel geht; oft kommt mir ein Text aber ähnlich beschränkt vor wie es ein Werbevideo für dasselbe Spiel: Ich bekomme den Bildschirminhalt präsentiert, aber nicht die Information, was ich eigentlich für eine Rolle spiele oder Aufgabe habe.

Insofern will ich auch eigentlich noch einmal die Genres auseinander nehmen und schauen, welche Tätigkeiten und Spielmetaphern hier eigentlich dahinter stecken. Es gibt Spiele, die sozusagen Sport sind, aber auch Spiele, die wie Puzzles sind und andere, die eigentlich sehr langweiliger Lohnarbeit ähneln. Manche sind eher Filme, andere eher Bücher. Es gibt auch Spiele, die eben nicht in diese Metaphern passen. So oder so – in vielen Rezensionen suche ich solche Informationen vergebens. Vielleicht muss man auch einfach mal zerlegen, worin die Aufgabe der Spieler in diversen Archetypen liegt.

Danach würde ich mir nämlich oft gerne selbst ein Spiel aussuchen – nicht danach, wie es aussieht oder ob ich darin rennen oder schießen oder rechnen muss – sondern welche Art von Tätigkeit ich gerade jetzt zur Zerstreuung ausüben möchte.

Ich hoffe, dass ich in Zukunft Zeit finde, diese Ideen auszuarbeiten und zur Diskussion zu stellen.

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Ab dem 1. August habe ich einen neuen Job: Ich beginne ein Volontariat beim Heise Zeitschriften Verlag in Hannover. Kennt ihr sicher – vom Newsticker von heise online oder der c’t. Insbesondere darf ich mich dort in der Redaktion des Sonderhefts hardware hacks (und der zugehörigen Website) betätigen, also über die Themen schreiben, die ich auch bisher bei bausteln und im Bereich der Make-Bücher für O’Reilly bearbeitet habe.

Das freut mich sehr – und gleichzeitig bedauere ich es natürlich auch, nach 12 Jahren meinen Lebensmittelpunkt aus Berlin weg nach Hannover zu bewegen. Ich werde aber oft genug versuchen, in Berlin zu sein (Bahncard 50 ist bereits vorhanden), denn ohne meine Freund_innen hier wäre das Leben doch gleich viel leerer.

Drei Wochen habe ich jetzt noch, um organisatorisch einiges zu Ende zu bringen – und natürlich, um den Sommer hier (sofern das Wetter mitspielt) zu genießen. Wer mich in letzter Zeit zu wenig gesehen hat, sollte sich jetzt einfach mal melden. 🙂

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Meine zwei Vorträge, die ich auf der SIGINT12 in Köln gehalten habe, sind jetzt als Videos online verfügbar: Auf dem ftp-Server des CCC gibt es die rund 500 MB großen mp4-Dateien zum Download – in Kürze sind sie sicher auch über das Web-Interface auf media.ccc.de erreichbar.

Direktlinks:

Für Nachfragen steht der Kommentarbereich natürlich offen.

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Ich habe in den vergangenen zwei Wochen zwei Seminare mitgestaltet und ich glaube, ich habe selbst am meisten gelernt.

Zunächst hatte ich die Aufgabe, 10 Schülern und 1 Schülerin der 8. Klasse das Thema „Hard- und Softwareentwicklung“ im Rahmen einer Berufsinformationswoche näher zu bringen, was praktisch darin bestand, mit der Arduino-Plattform eigene kleine Schaltungen aufzubauen und zu programmieren. Danach habe ich im DGB-Seminar Wenn die Fabrik auf den Schreibtisch passt … Wie die Digitalisierung Arbeits- und Produktionsbedingungen verändern wird 14 Teilnehmer_innen (zwischen 40 und 70 Jahren) etwas über die Arbeitsbedingungen in Coworking-Spaces und Fablabs erklärt und die im Seminar noch entstandenen Eigenkreationen live auf meinem 3D-Drucker ausgedruckt.

Es war deshalb so lehrreich, weil ich sonst meist nur mit Menschen meiner Altersklasse zu tun habe, sagen wir mal großzügig zwischen 20 und 40 Jahren. So unterschiedlich diese Menschen auch manchmal sind, so haben sie doch zum Teil ähnliche Grundansichten und -fähigkeiten, auf die ich mich in einem Workshop oder sonstigen Seminar verlassen kann, z.B. den Umgang mit Computern und anderen Medien. Außerdem ist eine generelle Offenheit für den ganzen Themenbereich vorhanden und alles, was ich ihnen erzählen und beibringen kann, passt irgendwie ohne große Brüche in ihre Wahrnehmung der Welt.

Bei den Jugendlichen hatte ich das zusätzliche Problem, dass diese deutlich weniger aufmerksam waren, als ich es von (erwachsenen) Teilnehmer_innen gewöhnt war. Eine Tatsache, die nicht nur etwas mit dem Alter zu tun hatte, sondern auch damit, dass diese Berufsorientierungswoche direkt vor den Sommerferien lag und außer Anwesenheit nicht viel bewiesen werden musste. Anstelle eines Publikums, das mit einem Lerninteresse bewusst zu mir gekommen ist (und dafür sogar ggf. bezahlt hat), hatte ich hier also eine Gruppe vor mir, die sich nicht unbedingt für die Inhalte interessierte und sich darüber hinaus natürlich auch gehörig selbst im Weg stand, wie es in der Pubertät oft üblich ist.

Es gibt aber keinen Grund, die Jugendlichen schlecht zu reden: Immerhin haben wir es nach vier Tagen geschafft, in fünf Gruppen ein funktionierendes Gerät oder eine Schaltung zu bauen und diese auch am abschließenden Freitag zu präsentieren. Zwischendurch hatte ich aber auch das Gefühl, am falschen Ort bzw. deutlich unterqualifiziert zu sein. Es ist nicht so leicht, die mitunter sehr kurzen Aufmerksamkeitsfenster erfolgreich zu nutzen: Trial and Error, also das Austesten und Herumspielen an Schaltungen und im Code durften nie zu lange dauern, ansonsten riss irgendwie der Verständnisfaden zwischen Ursache und Wirkung und irgendein Browserspiel (oder Jappy) wurde doch wieder interessanter.

Als sehr interessantes (und unerwartetes) Unterrichtsmittel erwiesen sich dabei 2 sehr alte Desktop-PCs und ein defekter Laptop, die wir als mögliches Anschauungsmaterial im Seminar hatten. Die Idee war, zu Beginn erst einmal diese Geräte zu zerlegen und so ein wenig Hardware-Wissen zu vermitteln. Praktisch hatte ich am ersten Tag den Jungs mit dem meisten Gehabe in einer gewissen Ratlosigkeit erlaubt, die Geräte auseinander zu schrauben. In den folgenden Tagen kam es dann immer nach zwei bis drei Stunden dazu, dass diese Schüler in einem Moment von Langeweile und Aktionsdrang die Computerteile immer weiter zerlegten und atomisierten. Das schien aber auch immer eine erlösende Wirkung zu haben, so dass sie danach wieder dem Seminar folgen konnten. Insofern: Ein Schrotthaufen zum Aggressionsabbau könnte pädagogisch hilfreich sein.

Meine Zielgruppe in der darauf folgenden Woche kannte pubertierende Schüler dagegen vor allem als eigene Kinder und Enkel und brauchte keine Zerstreuung durch Zerstörung. Was ich hier gelernt habe, ist vor allem die hilfreiche Sicht von außen auf das, was wir (also ich und mein Umfeld) hier in Berlin „Arbeit“ nennen. Das war einem Besuch bei meinen Eltern und Großeltern nicht unähnlich: Man braucht auch immer wieder andere Worte, um die eigene Tätigkeit zu beschreiben und außerdem kommt man sich dabei immer ein wenig lächerlich vor, weil es innerhalb dieses Berlinkontextes alles immer so stimmig scheint und dann von Extern betrachtet auch immer ein Stück weit in sich zusammen fällt.

Da saßen also gestandene Menschen, die im Ruhrgebiet und in kleinen Städten an der Grenze dreier Bundesländer in Betrieben und Verwaltungen arbeiten und Autoteile herstellen, Berufsanfänger beraten und Betriebsabläufe überwachen, und außerdem in der einen oder anderen Weise gewerkschaftlich aktiv sind. Das Seminar fand nicht zufällig im betahaus in Berlin statt, wo die meisten Menschen anders, freier und meistens prekärer arbeiten und für die es eigentlich keine Gewerkschaft gibt.

Die Ironie, dass ich als Teil dieser prekären Gruppe etwas Geld damit verdiente, diesen Teilnehmer_innen eben genau auch davon zu berichten (und dies auch neutral, kritisch und distanziert zu tun), blieb uns allen natürlich nicht verschlossen. Interessant natürlich auch der immer wieder hervorkommende Unglaube, dass die Menschen im betahaus sich dieses Leben nicht nur z.T. selbst ausgesucht hatten, sondern es auch gar nicht als so ein großes Problem ansahen, aus dem man möglichst schnell wieder herauskommen sollte.

Ich kann also am Ende gar nicht sagen, ob ich die Gruppe überzeugt habe, dass Arbeit und Leben auch so aussehen kann, oder ob die Gruppe mich dazu gebracht hat, das alles mal wieder etwas kritischer zu sehen. Interessant war das Seminar allemal; es ging um Open Source und Fabbing und die digitale Bohème und das Bedingungslose Grundeinkommen, was ja alles auch immer etwas zusammenhängt, aber sicher auch eine Menge an halbgaren Ideen für jemanden darstellt, der dem erlernten Beruf seit Jahrzehnten treu ist und ein gutes Leben führt, in dem der Computer hin und wieder als bessere Schreibmaschine vorkommt.

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Die meisten Artikel schreibe ich, zumindest in Stichpunkten, im Kopf. Meistens unter der Dusche, im Bett oder auf dem Fahrrad. Da ich mir Sachen nicht so gut merken kann, bis ich mal wieder vor einer Tastatur sitze, werden die meisten Gedanken am Ende dann doch keine Artikel.

Der heutige Artikel, der eigentlich auch wie so viele andere gar nicht erst entstanden wäre, hätte den Titel: „Warum ich nicht mehr auf Flohmärkte gehe“. Er wäre in etwa so gegangen:

Heute war ich mal wieder auf einem Flohmarkt. Ich habe aber nichts gekauft – irgendwie gibt es da dann mittlerweile ja doch fast nichts mehr zu finden. Würde man ehrlich durchsortieren, könnte man ca 50% der angebotenen Waren sofort entsorgen, weil gleich auf den ersten Blick offensichtlich wird, dass es sich um Ramsch handelt, den sich die Besitzer noch nicht getraut haben, wegzuwerfen, obwohl klar ist, dass niemand mehr etwas damit anfangen kann: Spiele, bei denen Teile fehlen, Werbegeschenke, selbstgebrannte CDs.

Aber auch beim Rest werde ich nicht fündig, bei Kleidung z.B. – nur ganz selten mal. Das liegt auch daran, dass 80% aller Kleidung Damenkleidung ist. Ich weiß nicht, was Männer da tendenziell anders machen, dass sie auf dem Flohmarkt eher wenig anzubieten haben. Ich vermute, dass da zusammenkommt, dass sie eher funktional einkaufen und Dinge tragen, bis sie kaputt gehen und dass ihre Kleidung weniger besonders ist und daher beim Sortieren der abgelegten Teile das meiste eben gleich im Altkleidersack landet (da klar ist, dass niemand Interesse an einem beigen ausgebeulten Baumwollpullover hat – jedenfalls nicht an noch einem).

Da gibt’s einfach nichts, und wenn es doch mal Sachen mit Wert sind, dann sind sie auch gebraucht noch zu teuer und sowieso nicht in meiner Größe. Der Aspekt der Größe ist es auch, der dann die möglicherweise interessanten Stücke an Damen- und/oder Unisex-Kleidung unattraktiv macht, für Schuhe gilt dasselbe.

Aber es gibt ja nicht nur Kleidung. Es gibt alles. Nur das Besondere fehlt – wer schlau ist, hat das im Vorfeld natürlich schon auf ebay verkauft. Das weiß ich aus eigener Erfahrung, ich hab es ja selbst schon genau so gemacht. Was bleibt, ist das Mittelfeld: Schmuck, Bücher, Tonträger und Abspielgeräte. Das wenigste davon will ich haben, inzwischen bin ich ja dankbar für alles, das virtuell ist und keinen Raum einnimmt.

Insofern stelle ich mir die Frage: Warum laufe ich da eigentlich immer noch hin und schau mir die Stände genau durch? (Das ist dann auch der Moment, wo ich merke, grübelnd auf dem Fahrrad sitzend, dass der Artikel nicht unbedingt geschrieben werden muss. Ich kenne nämlich genug Menschen, die schlauer sind als ich, und sich genau das schon vor 10 Jahren überlegt haben und sich seitdem nur noch widerwillig auf Flohmärkte bewegen lassen. Und einen Artikel, auf den man hauptsächlich mit „Merkste selber, ne?“ antworten kann, muss man vielleicht nicht schreiben.)

Ich glaube, es liegt daran, dass ich zweimal Glück und einmal Pech auf Flohmärkten hatte. Einmal fand ich, vor 15 Jahren, ein frühes seltenes „Star Trek“-Buch; eine deutsche Übersetzung in einem Kinderbuchverlag aus den späten 60ern, bevor die Serie überhaupt im Fernsehen lief. In der deutschen Bearbeitung waren thematische Anpassungen vorgenommen wurden, außerdem gab es skurrile Zeichnungen, die ein deutscher Illustrator dem Text zur Seite gestellt hatte, offenbar ohne zu wissen, dass das Buch seinerseits auf einer amerikanischen Fernsehserie beruhte. Insofern ein interessantes Sammlerstück. Das Buch habe ich für 1 DM mitgenommen und später irgendwann mal für deutlich mehr weiterverkauft.

Das andere Mal kaufte ich für 15 Euro ein Casio-Keyboard, dass sich aufgrund seiner Schaltung einige Zeit später durch Anleitungen im Internet als beliebtes Objekt für künstlerische Manipulation herausstellte. Als ich ein, zwei Jahre danach dasselbe Gerät noch einmal auf einem Flohmarkt entdeckte, ließ ich es stehen, weil es 20 Euro kosten sollte und auch etwas dreckig war. Daheim habe ich dann herausgefunden, dass es im Internet in Zwischenzeit für eher 100 Euro gehandelt wurde.

Insofern ist es bei mir wohl der Casio-Fluch: Ich warte seitdem (und das ist schon bestimmt 6 Jahre her) darauf, dass sich dieses Pech (und zwar  ja nur das Pech, ein gutes Geschäft verpasst zu haben) irgendwann mal wieder ausgleicht – indem ich irgend ein Ding auf dem Flohmarkt entdecke, dass ich entweder selbst immer haben wollte oder das durch Unwissenheit viel zu günstig angeboten wird, was außer mir natürlich keiner weiß.

Das ist natürlich ein ziemlich blöder Grund. Noch dazu, weil es ansonsten nicht gerade zu meinen Lieblingsbeschäftigungen gehört, mich durch Menschenmassen zu bewegen oder, ganz grundsätzlich, überhaupt einkaufen zu müssen.

Heute gab es genau ein Ding, das mich interessiert hat: Ein Kameraobjektiv, das auf meine Kamera passen würde und auch, trotz des Alters, ganz gut aussah. Inzwischen habe ich ein Smartphone und schlage in solchen Fällen natürlich sofort nach, ob der angegebene Preis in Ordnung ist. Leider (oder zum Glück) konnte mir das Internet bei diesem Modell nicht weiterhelfen. Und da ich in den letzten Monaten schon öfter von meiner früher problemlos erfüllbaren Regel abgewichen bin („Ich sollte wenigstens eine Sache kaufen, damit sich der Besuch des Flohmarkt wenigstens gelohnt hat.“), fuhr ich dieses Mal auch wieder ohne Kauf davon.

Alles in allem also ziemlich unsinnig, und doch sehr menschlich. Meine Neugierde, mein Hobby-Archäologentum im Bereich „Ramsch“ und die leise Hoffnung das eigene Erfolgskonto doch irgendwann wieder auf Null zu bringen (d.h. den „Casio-Fluch“ loszuwerden) – ich befürchte, das treibt mich dann doch immer mal wieder auf einen Flohmarkt, wenn die Sonne scheint und ich mir aus Gewohnheit denke: „Ach ja, da könnte ich ja mal hingehen.“

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Ist das der Ort für Aufsätze à la „Mein schönstes Ferienerlebnis“?

Egal, ich war in Wien und ich bin angetan. Warum auch immer es bis 2012 gedauert hat, denn Wien ist eine Stadt, die mir gefällt. Aus der Sicht eines Touristen natürlich, denn auch wenn der Gedanke „ach, hier könnte ich auch gut leben“ schnell kommt, weiß ich dann doch zu wenig über die Bezirke, wer wo lebt und wo verdrängt wird.

Was kann man in drei Tagen sehen? In diesem Fall waren es touristische Ziele wie die Innenstadt mit Stephansdom und Prater und Naschmarkt und (wegen des Regens) ein Museumsbesuch im Naturhistorischen Museum. Aber natürlich auch: Das Museumsquartier mit dem Büro der Künstlergruppe monochrom und dem 8-bit-Laden Subotron.

Und viel Herumlaufen, im 7. Bezirk (Neubau) hinter dem MQ, im 16. Bezirk (Ottakring) und überall guten Kaffee trinken: Im Literaturcafé phil und am Yppenplatz am Ende des Brunnenmarkts. Mit Twitter-Freund_innen im top kino Bier trinken und trotzdem mit dem Nachtbus in 20 Minuten wieder in der Ferienwohnung im 3. Bezirk sein. Auf der Donauinsel in der Sonne herumsitzen. Den Hackerspace, das Metalab besuchen.

Das hat sich alles, jedenfalls in den drei Tagen, als diese Mischung aus Großstadt und Unaufgeregtheit, aus groß und klein herausgestellt, die ich hier in Berlin schätze und bisher nicht oft in anderen Städten gefunden habe; vielleicht noch in Hamburg. Und so richtig hässlich ist es in Wien auch nirgends (etwas, dass ich schon letztes Jahr in Graz festgestellt habe, vielleicht liegt es ja an Österreich).

Die Frage bleibt, wie man mit solchen Städten und der neu gefundenen Begeisterung umgeht. Immer mal wieder drei Tage hinfahren? Einfach mal planen, länger dort zu arbeiten und alles aus der Bewohnerperspektive zu erfahren? Vielleicht ein Mittelding und ein Grund sich mal Wohnungstausch-Seiten anzusehen. Wo man am Internet sitzt und seine Arbeit tut – das könnte ja auch mal ein Monat Wien sein.

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