— Der Inventing Room!

Archive
Das Leben

Neulich schrieb ich ins Internet, ich würde durch mein häufiges Bahnfahren langsam zum IC-Fan. Nicht nur, dass man einige Euro spart (bei acht bis zehn Fahrten im Monat summiert sich auch das), ich mag diese Züge in 80er-Jahre-Pastellfarben irgendwie.

Gerade sitze ich auch in einem Abteil, das Mint-Flieder-Nikotin-farben eingerichtet ist und finde es sehr gemütlich. Es hat etwas von dieser Bahnfahrromantik, die beim ICE verloren gegangen ist; der fühlt sich eher an wie ein Flugzeug auf Schienen.

Ich mag diese klassischen Zugfenster, deren obere Hälfte man nach unten schieben kann und die eigenen Regler für Heizung und Lautstärke der Durchsagen. Ich mag auch diese Schiebegardinen, die oft genug aber auch einfach schon verloren gegangen sind, und das alte DB-Logo, das im Spiegel über jedem Sitz eingeätzt ist.

Natürlich ist es lauter hier, die Schiebefenster sind nicht vollständig dicht und oft braucht man mit einem IC länger ans Ziel. Auf meinen Stammstrecken von Hannover nach Berlin und Hamburg fällt das aber kaum ins Gewicht. Die paar Minuten Fahrtverlängerung macht der Zug, in dem mir die Zeit angenehmer vergeht, wieder wett.

Oh weh, sagte das Internet: Da gibt es ja gar kein Internet an Bord. Und auch keine Steckdosen. Ich sage: Mir doch egal. Für die maximal zwei Stunden, die ich hier sitze, brauche ich keinen zusätzlichen Strom. So lange halten es Laptop und Handy auch mit ihren Akkus aus.

Und Internet? Bis vor kurzem hatte man in den ICE-2-Zügen von Berlin aus eh kein Internet, ich habe es also nie vermisst. Vor einigen Jahren habe ich mich sogar noch darüber gewundert, wenn andere Leute, die viel Nord-Süd fahren, von den Problemen mit dem Wlan im Zug berichteten. Es gibt Internet bei der Bahn?

Oft habe ich meine Geräte nicht mal an. Ich schaue jeden Werktag acht Stunden auf einen Monitor, davor und danach auch. Ich brauche diese 200 Minuten in der Woche nicht unbedingt einen Bildschirm. Manchmal schon – wenn ich gerade etwas im Kopf habe, das ich aufschreiben möchte, so wie jetzt gerade. Aber dafür reicht, wie gesagt, das Offline-sein und der Laptopakku.

Die Beschleunigung, die Reise sorgt bei mir nämlich meistens für eine Entschleunigung. Hier kann ich über das vergangene Wochenende oder die vergangene Woche sinnieren oder mir eine Verschnaufpause gönnen, bevor der Arbeits- oder Freizeitstress wieder beginnt. Dabei mal nicht die ganze Welt in einem Gerät zur Verfügung zu haben, ist extrem entspannend.

Eigentlich fahre ich ja Bahn, um irgendwo hin zu kommen. Dass ich aber gleichzeitig nicht nur geografisch, sondern auch gedanklich von Dingen Abstand nehme, gehört für mich zu den besten Momenten meiner Wochen. Und irgendwie geht das im gemütlich menschlichen IC besser als im effektiv arbeitsamen ICE.

Read More

Der 29C3 war mein neunter Congress in Folge. Er war, auf zwei verschiedenen Ebenen, für mich ziemlich gut und ziemlich schlecht. Noch nie habe ich mich auf einem Congress so unwohl gefühlt, gleichzeitig noch nie so viele neue Leute kennengelernt. Die Orga, die Technik, die Location, die Talks, die Assemblies, alles supertoll, und darauf bezieht sich auch die Kritik, die ich noch anzubringen habe, ganz und gar nicht.

Die Frage ist für mich, welchen Stellenwert tatsächlich vorkommende Vorfälle wie eine sexistische Moderation, die Reduzierung von Frauen auf kopflose Körper oder das Hacken von Asher Wolfs Blog für verschiedene Anwesende haben.

Für die Mehrheit (würde ich vermuten) sind solche Vorkommnisse, sofern sie bemerkt werden, Kleinigkeiten. Selbst wenn man sie unschön fände, beflecken sie die gesamte Veranstaltung nicht. Sie haben den Stellenwert eines zerbrochenen Tellers einer Großküche: Passiert, fällt aber nicht ins Gewicht. Verlust von einem Promille.

Für viele andere Menschen, und da schließe ich mich ein, haben diese Vorfälle ein anderes Gewicht. Sie sind der Cholera-Einzelfall auf dem Kreuzfahrtschiff oder die Hundekacke am Saum vom Hochzeitskleid: Das unschöne Tausendstel macht die Gesamtsituation gefährlich oder unerträglich.

Leute, die ich sehr schätze, sind dem 29C3 von vorn herein ferngeblieben, haben sich dort sehr unwohl gefühlt und/oder sind gleich früher abgereist. (Da hilft auch kein Hinweis, dass es vor 10 Jahren noch viel schlimmer war.) Mir ist klar: Das will ich nicht. Ich fühle mich dem Congress verbunden und konnte daher auch nicht anders, als noch auf der Veranstaltung selbst eine Klärung und Planung anzuschieben. Dass zu diesem sogenannten #policccy-Treffen rund 100 Anwesende erschienen, zeigt mir, dass ein tatsächlicher Handlungsbedarf besteht.

Ich hoffe sehr, dass aus dem Hickhack und der Wut der letzten Tage eine konstruktive Situation für die Planung und Durchführung des 30C3 entsteht. Ich bin jedenfalls dazu bereit, mit meiner Zeit und meinen Ideen einen Beitrag dazu zu leisten. Der CCC ist kein homogenes Gebilde: Ich habe mehrere unschöne Aktionen „hochrangiger“ Mitglieder erlebt, in gleicher Weise aber auch mit langjährigen Orga-Mitgliedern geredet, die meine Bedenken weitgehend teilen. Diese Positionen müssen wir stärken.

Noch zwei Sätze zu den Creeper Move Cards: Die intendierte Wirkung wurde verfehlt und ich bin mittlerweile auch nicht mehr davon überzeugt, dass die Aktion in dieser Form eine gute Idee war. Ich hoffe, dass in den laufenden und noch kommenden Diskussionen die Karten-Aktion und das größere Anliegen (nämlich, dass der Congress ein Problem mit Sexismus hat) getrennt voneinander behandelt werden. Die notwendige Diskussion steht jetzt im Raum und da ist es mir relativ egal, ob sie durch eine gelungene oder nicht gelungene Aktion dahin gelangt ist.

Mein Bauchweh während des und nach dem 29C3 lässt sich grob so einteilen:

Lagerbildung und Ausgrenzung

Viele wurden nicht müde, ein „wir hier“ und ein „die da“ aufzubauen: „Ihr kommt hier her zu uns und macht…“ warf ein Orga-Mitglied der Flauscheria vor. Die Vereinnahmung der Mehrheit für die eigene Meinung halte ich angesichts des starken und besonders geschätzten Individualismus in der Hackerkultur für falsch.

Der Congress besteht aus Menschen, ohne sie wäre er nur ein leeres Gebäude mit bunten Scheinwerfern. Es gibt hier nur die „Basis“, aus der sich Freiwillige melden, um sich auf verschiedene Arten zu beteiligen, keine Hierarchie. Mit den Zielen und dem Selbstbild des Clubs können sich alle sicher zu großen Teilen identifizieren, aber nicht immer wählen sie dieselben Methoden der Umsetzung. Niemand sollte sich anmaßen, aufgrund der eigenen Meinung diese Gruppe der Hacker_innen in „wir“ und „ihr“ zu unterteilen.

Am Ende der erwähnten Diskussion stand eine schlaue Frage von fasel an das Orga-Mitglied: „Wer wirft dich raus, wenn du dich daneben benimmst?“

Fehlende Solidarisierung

Während des Congresses gab es mehrere Aussagen von anwesenden Hackerinnen auf Twitter und in längeren Texten, dass sie sich auf dem Congress (immer) sehr wohl gefühlt hätten und keine Diskriminierung erlebt oder mitbekommen hätten. Darüber sollte man sich sicher freuen und daran auch keinen Zweifel äußern.

Was ich hier aber vermisse, ist die fehlende Solidarisierung mit Menschen, die nicht so viel Glück haben. Das klingt für mich zu sehr nach „Selbst schuld“, einem der perfidesten Mechanismen der Unsichtbarmachung von gesellschaftlichen Problemen. „Ich bin eine Frau und ich wurde nicht belästigt, daher müssen solche Vorfälle individuelle Gründe haben“ ist ein fataler Fehlschluss.

Das ist kein seltenes Phänomen: Es gibt genug erfolgreiche Frauen, die behaupten, Feminismus sei unnötig und es müsse sich jede halt selbst durchsetzen – man selbst habe es ja auch geschafft.

Außerdem sollte es klar sein, dass Aussagen wie „ich fühle mich hier 100% sicher“ Applaus von den falschen Leuten bekommen. Diese Sätze werden nämlich immer wieder gern als Beweis geführt, dass Opfer von Diskriminierung sich irren müssen.

Daher würde ich mir wünschen, dass Hackerinnen/Hacksen, die sich beim Congress wohl fühlen, daran mitarbeiten, diese Situation für alle herzustellen.

Paternalismus

Die Mitglieder des CCC lassen sich nicht gerne von anderen sagen: Vertrau uns, wir machen das schon. Das macht sie misstrauisch und an diesen Stellen in Gesellschaft und Politik setzen sie mit notwendiger Kritik an. Einer Obrigkeit, einem Kontrollorgan blind zu vertrauen, käme nicht in Frage.

Insofern mutet es sehr merkwürdig an, wenn Frank Rieger in der Abschlussveranstaltung genau das in der Causa Awareness fordert: Lasst uns mal machen, wir kümmern uns. Die Leute, die das Hacker-Jeopardy wegen der sexistischen Moderation verlassen haben, vertrauen der Orga ganz sicher nicht. Und wenn man einer Instanz nicht vertraut, nimmt man (allein aus Selbstschutz) die Sachen selbst in die Hand. Wenn das nicht Hacktivismus ist, was dann?

Gleichzeitig wird deutlich, dass es unmöglich ist, auf einem öffentlichen Podium in der Rolle eines CCC-Sprechers eine private Aussage zu treffen: Frank hatte zu den Creeper Cards gesagt, es sei seine persönliche Meinung, dass „wir so etwas nicht brauchen“. In der Zusammenfassung auf heise online wird daraus der offizielle Standpunkt des Clubs. Ich bin relativ sicher, dass Frank das dort nicht richtigstellen wird.

Außenwirkung

Problematisch fand ich den Hinweis beim Policccy-Meeting, das ein öffentlichkeitswirksames Aufregen über Vorfälle, etwa bei Twitter, eine negative Außenwirkung auf den Congress haben könnte. Die Veranstaltung könne schlechter rüberkommen, als sie sei und dadurch sogar Leute vom Besuch abhalten.

Das macht mich sauer: Wenn ich mich schlecht fühle, ist mir so etwas Abstraktes wie Außenwirkung wirklich egal. Die Aufforderung kommt mir viel zu nah an Dinge wie Selbstzensur, „hab dich mal nicht so“ und Intransparenz. Im CCC ist man dagegen immer ganz vorne mit dabei, sich über Medienfails und Leaks anderer Organisationen lustig zu machen.

Es ist sicher keine einfache Aufgabe für die Congress-Orga, sich parallel zu einer Veranstaltung auch noch mit deren Außenwirkung auseinander zu setzen und souverän auf Beschwerden und Debatten zu reagieren. Hier um der schönen Veranstaltung willen aber um Beherrschung zu bitten, wird nicht funktionieren.

Eingestehen eigener Fehler

Dinge, die ich gehört habe: Wir haben kein Problem. Es ist doch schon viel besser geworden, was denn noch? Wir kümmern uns drum. Wenn man auf eine Hackerkonferenz kommt, muss man damit rechnen. Wir haben eine Policy.

Dinge, die ich gern noch öfter hören würde: Wir haben ein Problem, und wir wollen es lösen. Es ist besser geworden, aber noch nicht gut genug. Wir würden uns gerne darum kümmern, bitte helft uns dabei. So etwas sollte auf einer Hackerkonferenz nicht passieren. Wir müssen unsere Policy besser durchsetzen.

Ausblick

Ich würde gerne eine Debatte zu all dem sehen. In den Hackerspaces, im Club, in den Medien und zwischen uns allen. Und ich würde mich freuen, wenn das Ergebnis nicht nur ein besserer Congress in Form eines sicheren 30C3 würde, sondern auch dort vor Ort weiter diskutiert würde. Was bedeutet das Selbstverständnis von Hacker_innen? Wo muss man ansetzen, um Räume sicher zu gestalten? Wie geht man mit Menschen um, die dem entgegenwirken wollen?

Am Rande habe ich erfahren, dass die queeren Anwesenden bei einem Meeting darüber gesprochen haben, 2013 selbst eine Assembly (oder mehrere) zu bilden, um besser sichtbar zu sein und eine sichere Anlaufstelle zu haben. Das freut mich sehr. Ich hoffe auch, dass ich mit meinem Wunsch, das Awarenessteam auf dem 30C3 deutlich sichtbarer zu machen, Erfolg habe.

Einer der besten Tweets während des 29C3 kam von Lotte, die dieses Motto für den 30C3 vorschlug:

Mein Mottovorschlag für den 30c3: Shooting the messenger.

Das bezieht sich natürlich auf das Gefühl, das viele während des Congresses hatten: Problematisch seien nicht sexistische Vorfälle, sondern diejenigen, die darauf hinweisen.

Ich halte das, Sarkasmus hin oder her, für eine sehr gute Idee mit Signalwirkung und genau auf der Linie der Kongressthemen: 2013 wird über Wikileaks verhandelt, das Thema Whistleblowing ist nicht durch. Auch der CCC und die Hackercommunity stand und steht für die Offenlegung von unerwünschten Machenschaften oft in der Kritik, obwohl sich die Empörung gegen die eigentlichen Verursacher richten sollte. Als follow-up zu „Not my department“ (oh the irony) könnte ich mir kein besseres Motto als „Shooting the messenger“ vorstellen.

Links

Ergänzungen seit Veröffentlichung

Read More

Julian hat mich auf die Idee gebracht, dass ich ja mal etwas über Musik bloggen könnte. Ich hab echt wenig gehört dieses Jahr, wenige neue Sachen – trotz Diensten wie Simfy und Spotify. Viele Erkenntnisse 2012 stammen daher wohl aus Monaten, in denen ich zufällig mal eine intro gelesen habe. In der Reihenfolge, wie sie mir eingefallen sind:

Mittekill – All but bored, weak and old

Ach, Mittekill. Ach, Friedrich. Mein Liebling. Ein ganz tolles Album. 13 Songs, die alle so unterschiedlich sind, als wäre es ein Mixtape mit 13 Bands. Englisch, Deutsch, Geschrammel, großer Pop und Techno. Songs über Abschiede, das Leben in Berlin, Existenzängste und groben Unfug. Und live mit Band so laut und hervorragend wie lange nicht. Lieblingsalbum 2012.

Stabil Elite – Douze Pouze

The sound of Düsseldorf, kann man nicht anders sagen. Stabil Elite sind halb Fehlfarben, halb Kraftwerk. (Diese Formulierungen hört man oft, aber diesmal stimmt es wirklich!) Hallo 1980. Nachkriegsbeton. (In „Milchstraße“ singen sie „Metall auf Beton“ und die Akkorde sind die von „Metropolis“.) Extrem super. Ich stelle mir vor, dass die Musiker privat unangenehme Schnösel sind, aber ihre Synthesizer hätte ich sehr gern für mich selbst. Super produziert, als ob sie es für Vinyl gemischt hätten, irgendwie. Die Höhen und so.

Im selben Rutsch kann man sich eigentlich auch noch das neue Fehlfarben-Album, Xenophonie, anhören. Geht gut.

The Kings of Dubrock – Fettucini

Rica Blunck, Viktor Marek und Jacques Palminger. Ich weiß gar nicht, was ich dazu schreiben kann. Es ist wirklich Dub, es ist unglaublich unsinnig (manchmal wünsche ich mir, Palminger würde weniger labern) und es macht unglaublich viel Spaß. Dieser Bass! Diese langsamen Beats! Die Idee, MDMA zu „magst du mich auch?“ zu backronymisieren! Das bringt gerade in diesem Matschwetter den Sommer zurück.

The 2 Bears – Be Strong

Bestes Nebenprojekt von Hot Chip, der besten Band aus England momentan. Würde es so etwas wie intelligentes Vorglühen an einem Samstag Abend geben, The 2 Bears wäre mein Soundtrack. Housepop. Bass, Streicher, Gesang. Die wunderbar blöde Single „Bear Hug“ hat diesen herrlich stumpfen 2step-Beat und bringt mich zum Lachen und zum Tanzen. Und die zwei Herren sind knuddelige dicke Bartträger, Bären eben. Love.

Hot Chip – In Our Heads

Bewährt guter englischer Nerd-Tanzkram. Ich glaube nicht, dass In Our Heads mein Lieblingsalbum von Hot Chip wird, aber es hat alle Zutaten. Haben dieselben Moogs wie Stabil Elite, machen darauf aber ganz andere, sehr warme Musik. Eines der wenigen Live-Konzerte, die ich dieses Jahr besucht habe. Ich wäre gern diese Band.

Pet Shop Boys – Elysium

Ich bin noch nicht damit versöhnt, ich muss es noch etwa 100 Mal hören. Die Pet Shop Boys haben ja so ein paar musikalische Grundparameter, in denen sie sich bewegen. Sie achten offenbar darauf, dass jedes Album innerhalb dieser Parameter sich so sehr vom Vorgängeralbum unterscheidet wie möglich. Nach dem Hören von „Elysium“ gefiel mir „Yes“ von 2009 dann auf einmal. Bei Elysium dauert es noch. Was ich nicht verzeihe, ist die Albumsingle „Winner“, einer der schlechtesten Songs der Herren überhaupt, ironischerweise mit 3 sehr guten B-Seiten. Sie spielen Silvester beim ZDF am Brandenburger Tor. Na ja.

Brockdorff Klang Labor – Die Fälschung der Welt

Das Elektropoptrio aus Leipzig. Ich hatte BKL schon fast vergessen, da nach dem Debütalbum 2007 nie wieder was gekommen war – manchmal verschwinden Bands ja auch wieder. Ich stehe total auf den Zusammenklang der beiden Gesangsstimmen. Die Musik ist hin und wieder etwas eintönig, das ist aber genau der Trademarksound der Band: Synthesizerpresets, hier und da quillt ein bisschen Darkwave hervor. Dafür gibt’s schlaue Texte über Guy Debord, das Ende der DDR und die Flüchtlingspolitik der EU.

Bernadette La Hengst – Integrier mich, Baby

Darauf hat mich erst ihdl gebracht. Ich kannte die Künstlerin namentlich, hatte ihre Musik aber für wesentlich spröder (a la Christiane Rösinger) gehalten (no offense). Aber nein, Bernadette La Hengst macht extrem witzige Popmusik. Tanzbar, ironisch, schlau. Feminismus, Körper, Politik, Körperpolitik, Liebe im Kapitalismus.

Kid Kopphausen – I

Erst durch den Tod von Nils Koppruch in meine Wahrnehmung gerückt, sehr sehr schade. Liedermacher-Gitarren-Wildwest-Männerkram. Für Abende am Feuer und im Sattel. Hätte gern noch mit Kid Kopphausen rumgesessen.

First Aid Kit – The Lion’s Roar

Zwei schwedische Schwesten (Klara und Johanna Söderberg) sind voll jung und machen wunderbar überproduzierten Folk. Wenn sie in ihren Videos durch die Felder laufen, weiß man nicht, ob das gerade Südschweden oder der Mittlere Westen ist. Genau so klingen First Aid Kit auch. Funktioniert für mich vor allem als Album, nicht unbedingt als Einzeltitel. Kann Spuren von Pathos enthalten. Dankenswerterweise über eine Besprechung im Missy Magazine gefunden.

The Brandt Brauer Frick Ensemble – Mr. Machine

Elektronische Jazz-/Technomusik auf klassischen Instrumenten. Klick Plock Ding. Brandt Brauer Frick. Worauf sich solche Musik bezieht, hab ich mal an der Uni gelernt und wieder vergessen. Intellektueller als die unfassbar guten Die Vögel. Läuft vermutlich auf Vernissagen ganz schlimmer Künstler_innen.


Ich hab mal aus den Alben dieser Bands, Künstlerinnen und Künstler (und weiteren Songs) ein 2012-Mixtape zusammengebaut. Könnt ihr gern hier anhören oder bei Spotify abonnieren.

Der Rest

  • Beste Single vielleicht: Santigold – Disparate Youth.
  • Beste Coverversion: My Heart Your Heart – Love will tear us apart.
  • Eigentlich beste Coverversion: Bonnie „Prince“ Billy – I See A Darkness.
  • Bestes Video: Solomun – Kackvogel.
  • Beste Österreicher: Julian und der Fux. Speckbrot. Altes Ego.
  • Verdiente Anerkennung 2012: Laing – Morgens immer müde.
  • Bondigster Bondsong: Adele – Skyfall.
  • Bester Ohrwurm: Tangerine Kitty – Dumb ways to die.
  • Machen hoffentlich bald mal vernünftig weiter: Jeans Team – Menschen (sind zum Träumen da).
  • Am meisten Bauchschmerzen: Die Antwoort, da unfassbar gute Beats und kreative Videos, aber mit homophoben und rassistischen Momenten. 🙁
  • Erkenntnis des Jahres: John Williams und Jerry Goldsmith haben alles von Gustav Holst geklaut.
  • Beachten Sie bitte auch alles, was Entertainment for the braindead macht und umsonst verschenkt.
  • Tanzen Sie zu Alle Farben.
  • Respektieren Sie die Fleischdolls.
  • Hören Sie die wunderbar verspulte Musik aus der weltbesten Cartoonserie Adventure Time.
  • Gerade erst (endlich) entdeckt und noch nicht eingewirkt: Dillon, Boy
  • Schönstes Konzert 2012: Phantom/Ghost
  • Versucht, aber bei mir gescheitert: Bat for Lashes. Vom neuen Album von Cat Power ebenfalls unbeeindruckt.
  • Was bald kommt: Die Neue von Tocotronic.

Read More

Liebe Shirtversender,

da ich bei euch um die Ecke wohne: Kann ich mein Wunsch-Shirt  auch bei euch abholen? Irgendwie wäre das für die paar Meter unsinnig mit dem Versand.

Gruß
Philip

Hallo Philip,

aus irgenisatorischen Gründen ist das leider nicht möglich. Tut uns wirklich Leid.

Grüße,
A[…]

************************************
BESUCHERANSCHRIFT UND
VERSANDANSCHRIFT FÜR RETOUREN:
************************************
[…]
10997 Berlin
************************************

Hallo A.,

Alles klar; ich danke aber sehr herzlich für die wunderschöne versehentliche Wortschöpfung „irgenisatorisch“, die ziemlich genau zum Ausdruck bringt, dass etwas nicht möglich ist, aber keiner weiß, warum eigentlich.

Vielleicht solltet ihr noch das missverständliche Wort „Besucheranschrift“ aus eurer E-Mail-Signatur rausnehmen, damit wirklich keiner vorbeikommt.

Philip

Read More

Moin. Ich habe heute auf dem Heimweg gemerkt: Ich habe immer wieder halbe Blogbeiträge und Ideen im Kopf, davon vergesse ich zwar 2/3 wieder, aber den Rest sollte ich vielleicht einfach mal aufschreiben. Immer darauf zu warten, bis sich mal die Zeit findet, einen ganzen, durchdachten Artikel zu schreiben – da kommt ja nie was bei raus. Also einfach drauflos tippen. So schnell landet man dann doch wieder beim privaten Bloggen, Tagebuch-Style, aber was soll’s.

Ich bin jetzt einen Monat in Hannover. Ich habe irgendwie noch nicht viel von der Stadt mitbekommen. Die Wochenenden war ich bisher immer noch unterwegs, die Abende habe ich mit diversen Sachen gefüllt: Erledigen von Restsachen, die noch vom Juli übrig waren. Planen, was ich wann von wo nach wo fahren muss, was ich kaufen muss. Herausfinden, wo ich einkaufe, wie meine Wege sind und wie lange das alles dauert. Und mich erholen.

Denn das muss ich sagen: Ein fester Job kostet deutlich Zeit. Das klingt so selbstverständlich und naiv, aber es ist wie bei vielen Dingen: Sich theoretisch Gedanken machen ist schön und gut; mitreden geht aber dann doch einfacher, wenn man eine Situation selbst mal erfährt.

Schlimm ist das nicht: Die Arbeit macht Spaß, ich werde gut behandelt und habe das Glück, mich nicht für mein Geld kaputt arbeiten zu müssen. Und dennoch: Die 8 Stunden Arbeit sind mit Hin- und Rückwegen inklusive Einkaufen in Wahrheit 10. Und auf eine Art ist es tatsächlich anstrengend: Wenn ich nach Hause komme, ist mein Kopf erst mal voll (oder leer, je nach Sichtweise). Und der Tag ist sozusagen vorbei, je nach Feierabend ist noch eine Stunde Sonne und Luft drin, oder halt auch nicht.

Und das ist schon etwas ganz anderes als selbstbestimmt etwas zu tun: Sogar bei möglicherweise gleicher Arbeitszeit unterschied sich mein selbstständiges Leben deutlich. Da konnte ich schon einmal an einem Tag spontan viel oder wenig (oder gar nichts machen). Am Ende sollte ich natürlich das geschafft haben, was ich mir vorgenommen hatte. Wenn das beinhaltete, erst mal nach dem Frühstück den halben Tag Freizeit zu haben und dann lieber Abends zu arbeiten, war das auch okay.

Spät kommen oder früh gehen oder mal eine Pause machen ist dank Gleitzeit und flacher Hierarchien bei meinem Job auch kein Problem, es wird nur trotzdem die Ausnahme. Wenn die Sonne noch so scheint – was bis zum Abend fertig sein muss, muss halt gemacht werden.

Um dem „Ach!“ aller regelmäßig Lohnbeschäftigten zu entgegnen: Das ist, wie oben gesagt, mir auch alles theoretisch bekannt gewesen. Aber bei aller Vorstellungskraft kann ich jetzt erst sagen, wie es sich anfühlt. Und in dieser neuen Situation verändert sich tatsächlich der Blick auf die nudelessenden Berliner Slacker_innen und ihre vermeintlichen Freiheiten.

 

Read More